Montag, 14. Juni 2010

Innerer Reichsparteitag im Deutschlandfahnenmeer

Das Fußballblog "11 Freunde" kommentiert das erste Spiel der deutschen Mannschaft während der WM 2010:
Da waren wir auf einmal zu sehr wieder wer. Katrin Müller-Hohenstein geriet ob des Tores von Miroslav Klose so stark in Verzückung, dass sie ihrem Sidekick Oliver Kahn entgegen jubelte: »Und für Miroslav Klose muss das doch ein innerer Reichparteitag sein, jetzt mal ganz im Ernst, dass der heute hier trifft.« Andreas Bock: Ein innerer Reichsparteitag
und endet mit der Frage: "Im Eifer dieser Zeilen: Wie zur Hölle fühlt sich so etwas eigentlich an? Ein innerer Reichsparteitag?"

Dieser Frage möchte ich mich anschließen und bin zudem verwundert über diese Formulierung, die ich jetzt zum ersten Mal bewusst höre. Eine schnelle Internetrecherche ergibt folgendes:

1. Gefühl tiefster Befriedigung / Genugtuung
2. private Zelebration rechtsradikalen Gedankengutes Redensarten-Index
Zu den ersteren Formulierungen gehören affirmative Verwendungen wie: "Es war ein innerer Reichsparteitag für mich, diesen wichtigen Sieg, also den Aufstieg, in Oberhausen feiern zu dürfen!", zu den Äußerungen zweiter Art eher negative Zuschreibungen: "Fehlgeleitete können an einem germanischen Runenstein ihren inneren Reichparteitag feiern." Entgegen vielen Twitter- und Blogmeldungen war diese Formulierung tatsächlich affirmativ gemeint und nicht in einem negativen Sinn zuschreibend. Katrin Müller-Hohenstein wollte wohl ausdrücken, dass in der Psyche Miroslav Kloses etwas tolles passierte, ein Befreiungsmoment gleichsam. Die Formulierung ist ihr rausgerutscht. Die Fragen, die sich mir stellen: wo kommen solche Formulierungen her? Wo und wie setzen sie sich fort? Wer benutzt diese Formulierungen in einem affirmativen, positiven Sinn? Es geht hier nicht um die Verurteilung Katrin Müller-Hohensteins. Wie der Twitterer Sascha Lobo ganz richtig anmerkt: "Sich über Müller-Hohenstein aufregen, aber bei Sarrazin ruhig bleiben. Unterm Wasserfall über den Nieselregen meckern."

Mich erschrecken solche Formulierungen vor allem vor dem Hintergrund des naiven Massengebrauchs der Detuschlandfahne. Meine Kritik hieran wird in der Regel reflexhaft abgewehrt mit den Sprüchen: "Das ist doch normal, in allen Ländern werden die eigenen Fahnen geschwungen" und  "Der Nationalsozialismus ist so lange her, wir sollten doch allmählich zur Normalität zurückkehren." Es ist eben nicht normal, in anderen Ländern sprechen Sportreporterinnen nicht vom "inneren Reichsparteitag" ihrer Torhelden. Ganz einfach deshalb nicht, weil es diesen Reichsparteitag der NSDAP nur in Deutschland gegeben hat. Und es ist keine Formulierung, die Katrin Müller-Hohenstein sich mal eben ausgedacht hat, sondern eine, die sich in bestimmten Kreisen fortpflanzt - warum auch immer. 

Wie zur Hölle fühlt sich ein "innerer Reichsparteitag" an und gibt es da noch andere individuelle Äquivalente zur NSDAP-Politik? Klaus Theweleit hatte in seiner Analyse des Nationalsozialismus ("Männerphantasien") die Innenwelten der Nazis erforscht. Leider wird er heute kaum noch gelesen, was die Kommunikation über Deutschlandfahnen kompliziert. So gesehen ist es ein Glücksfall, dass einer ZDF-Reporterin dieser "Innere Reichsparteitag" rausrutschte. 

Nachtrag: In der Welt-Online wird das Idiom "Innerer Reichsparteitag" als "Berliner Mutterwitz" erklärt. Dazu der Kommentar eines Lesers namens Moritz:  "??? für was berliner Mütter so alles herhalten müssen".

Kommentare:

  1. Die anderen Parteien hielten bis zur Machtübernahme Hitlers auch Reichsparteitage ab. Heute heißt es bei den Parteien Bundesparteitag.

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  2. Spannend ist auch eine Überlegung eines Bekannten, mit dem ich gerade über diesen Artikel diskutierte:

    wenn nach dem Nationalsozialismus getrauert worden wäre über das massive Unrecht und Morden, was von Deutschen ausging, wenn es keine "Unfähigkeit zur Trauern" gegeben hätte, dann würden wir heute sehr viel menschlicher miteinander umgehen; dann gäbe es keine Kriegseinsätze, keine brutale Abschiebepolitik, keinen unmenschlichen Umgang mit den Armen.

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  3. @Andy

    Warum hat sie dann nicht vom "Inneren Bundesparteitag" gesprochen? Hab ja extra nachgeschaut, was unter der Formulierung "Innerer Reichsparteitag" gemeint ist. Das bezieht sich ganz klar auf den Reichsparteitag der NSDAP.

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  4. Weil es diese Redewendung nicht gibt, ganz einfach. Und diese bewusste Änderung wäre ja noch schöner: Übertriebene Political Correctness über alles!

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  5. "Political Correctness" ist kein Argument, sondern in der Regel eine Selbstzuschreibung derjenigen, die im Sinne George Orwells die Sprache entpolitisieren wollen.

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  6. Ich finde es immer wieder interessant, dass Menschen sich ueber Formulierungen oder aehnliches aufregen, weil man es im Zusammenhang mit der Nazizeit sieht, OHNE auch nur im Ansatz zu wissen, wie diese Formulierung zustande kam, ohne auch nur im Ansatz wirklich gute Kenntnisse ueber Geschichte zu haben und vor allem OHNE auch nur ein bißchen zu googlen (wenn man schon keine Ahnung hat): Der Begriff "Reichsparteitag" stammt aus der Nazizeit, das ist soweit richtig und die Nazis haben dies als Ihr hoechstes Instrument gesehen. Die Formulierung "innerer Reichsparteitag" allerdings, wurde hauptsaechlich in spoettischem Zusammenhang vom Widerstand verwendet!
    Dumm daher zu reden und mit Halbwahrheiten um sich zu werfen ist fuer mich ein um keinen Deut besseres Propaganda-Mittel!

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  7. Meine Rechereche hat ergeben, dass "Innerer Reichsparteitag" zwei Bedeutungen hat: die eine ist metaphorisch für Genugtuung, die zweite richtet sich mit Spott gegen (Neo)Nazis.
    Ich glaube kaum, dass die Sportreporterin sich dachte "Jetzt ist es mal wieder Zeit, über die Nazis zu spötteln." Formulierungen sind immer kontextbezogen. Sie wollte - "mal im Ernst" - sich auch nicht über Klose lustig machen. Wenn wir deiner Interpretation folgen würden, hätte sie Klose als verkappten Nazi dargestellt. Gewagte These.
    Sie wollte positiv ein inneres Glücksgefühl, ein Gefühl der Genugtuung darstellen, ohne jede Häme. Und dabei fiel ihr der Reichsparteitag ein. Ist ja auch kein Wunder bei den vielen Deutschlandfahnen ...

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