Donnerstag, 24. September 2009

Bildungspolitik: Jede Woche eine Watsche!

Die Verantwortlichen für die Klassendiskriminierung in Deutschland werden im Wochenturnus abgewatscht. Abgewatscht durch internationale Studien der OECD, durch Auftragsstudien, deren Ergebnisse nicht so sein sollten wie sie sind und gedeckelt und zurückgehalten werden, durch kleinere Studien wie vom Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung und durch Masterarbeiten, die ganz neue Diskriminierungsaspekte herausarbeiten. Würde man diese Studien als Ohrfeigen visualisieren und im Zeitraffer ablaufen lassen, dann sähe es ungefähr so wie im folgenden Video aus. It's hard to catch the first time:




Aber können Studien eine Regierungspolitik ändern? Wohl kaum, sie können sie nur blöd aussehen lassen. In diese wissenschaftlichen Ergebnisse muss - um im Bild zu bleiben - eine Wucht eingebaut werden, sonst bleibt die derzeitige Politik blöddreinschauend bestehen.

Zu den Studien im Einzelnen:

Watsche Nr 1
OECD-Studie: Kinderarmut in Deutschland
1. September 2009 OECD-Studie: Die Kinderarmut in Deutschland ist größer als in den meisten anderen OECD-Staaten. Vor allem bei der Verwirklichung gleichwertiger Lebensverhältnisse und Chancengleichheit bleibt Deutschland hinter vergleichbaren Ländern zurück. In Deutschland werde sehr viel Geld für Kinder und Familien ausgegeben, nicht jedoch für arme Eltern und deren Kinder. Es müssten dringend die Transferleistungen für arme Familien, insbesondere Alleinerziehende, verbessert werden!
Der deutschen Politik sind die OECD-Studien nicht nur bei PISA äußerst unangenehm und sie verhehlen dies schon lange nicht mehr. Statt die Ohrfeigen zu ertragen, wird ein peinliches Trotzverhalten an den Tag gelegt. Nacheinander werden die EU-Kommission, die internationale PISA-Koordination der OECD, der Menschenrechtsbeobachter der UN als "inkompetent" und "befangen" beschimpft. Dieses unwürdige Verhalten führte bereits dazu, dass Deutschland nicht mehr von den PISA-Ergebnissen vorab informiert wird. Auch die Ergebnisse der Kinderarmuts-Studie der OECD werden von Politikern wie Peter Ramsauer (stellvertretender Vorsitzender der CDU/CSU Bundestagsfraktion) als "methodischer Mist" diffamiert. Die Ergebnisse scheinen ihm zu stinken. Sehr unwahrscheinlich, dass die Wissenschaftler der OECD methodisch unsauber gearbeitet haben, denn ihre Ergebnisse decken sich mit denen der UNICEF wenige Jahre zuvor.
Jedes sechste Kind lebt in Deutschland in relativer Armut. Das heißt, dass das Haushaltseinkommen unter der Hälfte des deutschen Durchschnittseinkommens liegt. In Dänemark, dem Spitzenreiter unter den in der OECD-Studie untersuchten Staaten, lebt hingegen nur jedes 37. Kind in relativer Armut.
"Deutschland sollte seine Transfers stärker auf bedürftige Kinder und deren Familien konzentrieren. Außerdem sollten Dienstleistungen wie Kinderbetreuung und Ganztagsschulen weiter ausgebaut werden", forderte Monika Queisser, Leiterin der OECD-Abteilung für Sozialpolitik bei der Präsentation der Studie. Hinzuzufügen ist allerdings, dass die Zahlen von 2003 sind. Also noch vor der sozialeugenischen Wende hin zur "Nachhaltigen Familienpolitik", in deren Zuge das sozialkompensatorische Erziehungsgeld durch das einkommensabhängige Elterngeld ersetzt wurde. Es wurde also genau das falsche gemacht: die Transfers für Arme wurden mit dem Elterngeld auf die Hälfte gekürzt und Reiche erhalten nun das sechsfache an staatlichen Transfers. Die nächste OECD/UNICEF-Watsche kommt bestimmt - und sie wird weher tun.

Watsche Nr 2
Studie des WZB: Underachievement in Deutschland
26. August 2009 Das Wissenschaftszentrum für Sozialforschung Berlin untersuchte in einer Studie Bildungsbenachteiligung im Zusammenhang mit sozialer Herkunft, kognitiven Fähigkeiten und Persönlichkeitsstrukturen. Fazit: Auf den Hauptschulen sind zuviele Underachiever mit sogenannter niedriger sozialer Herkunft, auf den Gymnasien zuviele Overachiever, die aus akademischen Familien stammen. Dies lasse sich nicht auf persönliche Merkmale wie Fleiß und Neugier zurückführen, da einige Hauptschüler nicht nur "intelligenter" als Gymnasiasten seien, sondern auch ebenso diszipliniert wie interessiert. Die Ergebnisse der LAU- und IGLU-Studien wiesen nach, dass Arbeiterkinder bessere Noten erbringen müssen, um eine Gymnsialempfehlung zu bekommen. Bisher wurde diese Diskriminierung schön geredet durch die Infragestellung, ob diese Arbeiterkinder trotz ihrer Intelligenz nicht doch gymnsialuntauglich seien, ob ihr Arbeiterfamilien-Habitus nicht zu wenig bildungsbeflissen sei. Dies lässt sich nun aufgrund der Studie der WZB-Studie klar beantworten: es gibt keinen Unterschied bei den Persönlichkeitsmerkmalen Diszipliniertheit und Neugier. Daher empfehlen die SozialwissenschaftlerInnen in expliziter Deutlichkeit, von der viel zu frühen Aufteilung in verschiedene Schulformen Abstand zu nehmen.
-> Weitere Informationen.

Watsche Nr 3
OECD-Studie: Bildungsfinanzierung und Studierendenquote
8. September 2009: Jährlich wiederholt die OECD-Studie Bildung auf einen Blick die Mahnungen: Deutschland hat eine zu geringe Studierendenquote - vor allem von Arbeiterkindern - und gibt zuwenig Geld für Bildung aus. So auch die Studie Bildung auf einen Blick 2009
Der Zahl der Studienanfänger lag in Deutschland im Jahr 2007 bei 34 Prozent eines Jahrgangs. Das ist einer der niedrigsten Werte innerhalb der OECD, noch geringer ist die Quote lediglich in der Türkei, Belgien und Mexiko. Im Schnitt der 30 wichtigsten Industrienationen nehmen indes heute 56 Prozent ein Studium auf.
Auch in der Weiterbildung hinkt Deutschland laut OECD hinterher. In anderen Industrieländern beteiligen sich erheblich mehr Ältere an hochqualifizierter Weiterbildung.
23 Prozent eines Altersjahrgangs schlossen 2007 ein Hoch- oder Fachhochschulstudium ab. Die Quote der erfolgreich Studierenden verdoppelte sich von 1995 bis 2007 in den Mitgliedsländern der OECD von 18 auf 36 Prozent. Während im Schnitt die Zahl der Studienabschlüsse um 100 Prozent zunahm, wurde Deutschland auch hier weiter abgehängt und konnte das Ergebnis von 14 nur auf 23 Prozent, also nur um 60 Prozent verbessern.
Und auch bei der Bildungsfinanzierung bildet Deutschland ein Schlusslicht: 13,3 Prozent der öffentlichen Ausgaben wenden die Industrieländer im Schnitt für Bildung auf - in Deutschland liegt die Quote bei unter zehn Prozent und hiervon wird zuviel Geld in "höhere" und zu wenig Geld für primäre Bildung investiert.
Die OECD rät - zum wiederholten Male - dass die Studierenquote dringend erhöht werden müsse und dass gerade in Krisenzeiten mehr Bildungsausgaben, vor allem im Primarbereich, getätigt werden sollten. Aber hat die Bundesregierung daran ein Interesse oder vertritt sie lieber die Interessen der Besserverdienenden. Denn auch die Einkommensvorteile von Akademikern sind in Deutschland höher als in anderen Ländern:
Arbeitnehmer mit akademischem Abschluss verdienten 2006 im Schnitt 64 Prozent mehr als Arbeitnehmer mit Berufsausbildung. Im Jahr 2000 hatte der durchschnittliche Einkommensvorteil noch 43 Prozent betragen. Der Studie zufolge erzielt mit 27,1 Prozent ein deutlich größerer Anteil der Hoch- und Fachhochschulabsolventen in Deutschland Spitzengehälter als im OECD-Schnitt, der bei 26,1 Prozent liegt.
Um mehr Kinder aus einkommensschwachen Elternhäusern für ein Studium zu gewinnen, plädiert die OECD-Direktorin Barbara Ischinger für ein Stipendiensystem. Die GEW schloss sich dem an. Wie das Stipendiensystem derzeit in Deutschland aussieht, lässt eine zeitweilig gedeckelte Studie der HIS erkennen:

Watsche Nr 4
HIS-Studie zur Stipendienvergabe: Benachteiligung durch Stiftungen
24.September 2009 Eine aktuelle HIS-Studie zur Sozialen Herkunft der StipendiantInnen konnte nur Durchschnittswerte veröffentlichen, da die Stiftungen im Juni auf einer Klausurtagung beschlossen haben, die Ergebnisse für jede einzelne Stiftung erst einmal zu überprüfen.
Nach einem heute publizierten ZEIT-Artikel stellt auch die Vergabe von Stipendien eine Bildungsbenachteilung aufgrund der sozialen Herkunft dar:
Das Ergebnis: Die Stipendien bekommen vor allem die Kinder gut verdienender Akademiker. Arbeiterkinder schaffen es selten in den Kreis der Auserwählten. Werden Bildung und Berufsstatus der Eltern berücksichtigt, hat demnach weniger als jeder zehnte Stipendiat in der Studienförderung eine, wie die Forscher sagen, »niedrige soziale Herkunft «, kommt also beispielsweise aus einer Arbeiterfamilie. Die Kinder beruflich erfolgreicher Akademiker - Stipendiaten mit »hoher sozialer Herkunft« - machen dagegen mehr als die Hälfte der Geförderten aus.
Sie zitieren Ulrich Mayer von der Yale-Universität:
»Eine solche Studie ist von enormer Bedeutung, denn hier zeigt sich die Heranbildung von Eliten«, sagt Karl Ulrich Mayer, Co-Direktor des Zentrums für Ungleichheitsforschung an der amerikanischen Yale University. »Die Befunde sind ein echter Hammer. Das ist die Selbstreproduktion des deutschen Bildungsbürgertums.« Denn bei der Förderung begabter Studenten geht es keineswegs nur um Geld. Die Stiftungen bieten den Geförderten Seminare und Sommerakademien an, nicht zuletzt sind sie Karrierenetzwerke, die mit beeinflussen, wer zu den Eliten von morgen gehören wird.
Am sozial selektivsten ist ausgerechnet die größte Stiftung, die Studienstiftung des deutschen Volkes. Hier finden sich nur 5% Studierende mit einer niedrigen sozialen Herkunft, aber 64% mit einer hohen sozialen Herkunft. Der Präsident der Studienstiftung weist jede Verantwortung von sich, an diesen Verhältnissen etwas ändern zu müssen. Dies sei nicht Aufgabe der Stiftungen.
Ulrich Mayer widerspricht:
Der Yale-Soziologe Karl Ulrich Mayer fordert, »die Auswahl der Begabtenförderung müsste kompensatorisch sein und vorhergehende Nachteile ausgleichen«. Man könne die soziale Selektion international beobachten, von den amerikanischen Elite-Colleges bis zu den französischen Écoles Normales. »Die einseitige soziale Zusammensetzung ist aber keineswegs unveränderlich«, sagt Mayer und fordert eine »bewusstere Aufnahmepolitik«.

Watsche Nr 5
Studie der Uni Oldenburg: Diskriminierung durch Lehrer
18. September 2009 Eine Masterarbeit der Uni Oldenburg von Julia Kube bringt es ans Licht: Lehrer diskriminieren Kinder aufgrund ihrer Namen, die auf eine niedrige soziale Herkunft schließen lassen.
Zitat aus der Studie, für die knapp 2.000 GrundschullehrerInnen anonymisiert befragt wurden:
Von dem überwiegenden Anteil der befragten Lehrpersonen werden SchülerInnen mit bestimmten Namen eher negativ oder eher positiv wahrgenommen. Als eher freundlicher, leistungsstärker und verhaltensunauffällig stellen sich Kinder mit Vornamen wie Charlotte, Sophie, Marie, Hannah, Alexander, Maximilian, Simon, Lukas oder Jakob im Bewusstsein von LehrerInnen dar, während Namen wie Chantal, Mandy, Angelina, Kevin, Justin oder Maurice eher mit Leistungsschwäche und Verhaltensauffälligkeit assoziiert werden. Besonders "Kevin" hat sich als stereotyper Vorname für "verhaltensauffällige" Schüler herausgestellt. In einem Fragebogen fand sich der Kommentar "Kevin ist kein Name, sondern eine Diagnose!".
Die Betreuerin der Forschungsarbeit, Prof. Dr. Astrid Kaiser war vor allem von der unreflektierten Gewissheit der GrundschullehrerInnen schockiert: "Was mich bei der Studie allerdings überrascht hat, war die Deutlichkeit und die Schärfe, mit der die befragten Lehrer über bestimmte Namen urteilen - und mit welcher Bestimmtheit sie davon ausgehen: Das ist kein Vorurteil, das ist eigene Erfahrung, das ist die Wahrheit." In diesem Spiegel-Interview machte sie zudem deutlich, wie schwierig es gewesen ist, überhaupt einen Studierenden zu finden, der seine Abschlussarbeit zu dem Thema machen wollte. Einige lehnten aus Angst vor der zu erwartenden Lehrer-Schelte das Thema ab.

Was also bleibt?
Die Studien auswendig lernen und dann so benutzen, wie Terence Hill es vormacht: die diskriminierende Politik solange lautstark und fundiert abwatschen, bis sie nicht mehr nur blöd aussieht, sondern in sich zusammenbricht. Like to see it again, deutsche Bildungspolitik? It's hard to catch the first time.

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen

 
...