Montag, 27. April 2009

Rassismus und "Schweinegrippe"

Trägt die Wahrnehmung der Nordamerikanischen Grippe, der sogenannten "Schweinegrippe" dazu bei, den alltäglichen Rassismus zu verstärken? Ja. Und zwar auf verschiedene Weise.

Reine und Unreine
Rassismus basiert auf Gegensatzpaaren. Nach Wulf D. Hund (Rassismus, 2007, S.43ff) ist eine wichtige Form des Rassismus das Gegensatzpaar "Reine und Unreine". Dieses Gegensatzpaar finde sich zunächst und am deutlichsten im Kastenwesen in Indien, sei aber auch mit dem Entstehen des Begriffs "Rasse" in Spanien im Antijudaismus wesentlich gewesen. Und auch im Begriff "Rassenhygiene" zeigte sich die Verknüpfung von Unreinheit, Krankheit und Seuche mit Rasse. Unreinheit und Krankeit werden auf klassenrassistische Konstruktionen projiziert.


Natürlich sind Arme häufiger von Krankheit betroffen als Reiche, und Armut und Reichtum ist ethnisch ungleich verteilt. Aber nicht Arme erzeugen Krankheiten, sondern Armut erzeugt Krankheiten.
Die aktuelle Bilderproduktion, welche mit der "Schweinegrippe" einhergeht, unterstützt rassistische Einstellungen: Schwein und Slum produziere Seuchen, Pandemien; entstanden sei die Schweinegrippe nicht nur im Organismus eines Schweins, sondern ebenso im "Moloch" Mexiko-City.

Krankheit und Armut
Arme sind häufiger krank als Reiche. Arme sterben schneller an den selben Krankheiten als Reiche. Aber es sind nicht Arme, die die Krankheiten erzeugen, sondern die schlechte Ernährung, die schlechten Lebensbedingungen, die mangelnden hygienischen Bedingungen, die mangelnde medizinische Versorgung unter denen sie leben müssen. Mexiko-City ist eine der größten Städte der Welt. Nach Mike Davis leben in Mexiko 19,6% der urbanen Bevölkerung in Slums, das sind 14,7 Millionen Menschen (Planet of Slums, 2006, S.24). Soeben hat die Menschheit eine globale Veränderung erlebt, seit wenigen Monaten leben erstmals in der Menschheitsgeschichte mehr Menschen in Städten als auf dem Land. Um die Stadtkerne der schnell anwachsenden Städte bilden sich Siedlungen mit mangelnder Infrastrukur. Vor allem Wassermangel ist ein Problem. Ein Problem, mit dem wir im reichen Norden unmittelbar zu tun haben, da über den globalen Handel Virtuelles Wasser vom wasserarmen Süden in den wasserreichen Norden transportiert wird. Epidemien sind in Gegenden häufig, in denen die Lebensbedingungen und die medizinische Versorgung unter dem Niveau sind, welches ein gutes menschliches Leben ermöglicht. Eine gute medizinische Versorgung wird verhindert durch Protektion, durch wirtschaftliches Gewinnstreben. So kann zum Beispiel Indien vieler seiner sehr günstig produzierten Medikamente nicht nach Afrika exportieren, wo diese erschwinglichen Arzneien dringend gebraucht werden - denn dies würde die Gewinnspanne von Pharmakonzernen einschränken. Zudem ist eine schlechtere medizinische Versorgung auch gewünscht, um die soziale Ungleichheit aufrecht zu erhalten. Wenn selbst in Deutschland die offiziellen Wirtschaftsberater empfehlen, die soziale Ungleichheit vor allem in den Bereichen Alter und Gesundheit zu erhöhen, so wird dies erst Recht in Nord-Süd-Beziehungen umgesetzt.
Epidemien zeichnen sich dadurch aus, dass sie lokal begrenzt sind. Bei Epidemien handelt es sich beinahe immer um Formen struktureller Gewalt, da hier bekannte und bekämpfbare Krankheitserreger am Werk sind und es nur eine Frage des Aufwandes ist, diese unschädlich zu machen. Eine Pandemie jedoch bleibt nicht auf eine Zone der Armut beschränkt, sondern erreicht auch den industriell und medizinisch gut versorgten Norden. Epidemien sorgen für Mitleid - Pandemien sorgen für Xenophobie und Rassismus.

Wie verbreitet sich die "Schweinegrippe"?

Bislang wurden noch keine Fälle von infizierten Schweinen nachgewiesen. Die Grippe verbreitet sich von Mensch zu Mensch. Dennoch verordnete aufgrund der Schweinegrippe die Regierung in Ägypten die Schlachtung von 350.000 Schweinen. Im Kairoer Slumviertel Manschiet Nasser kam es daraufhin zu Unruhen. Auf die Einwände der WHO wurde die Schlachtung mit einer grundsätzlichen Gesundheitsreform begründet. Hier zeigt sich, dass die Grippe auch klassistische Effekte erzeugt.
Konservative in den Vereinigten Staaten machen MigrantInnen verantwortlich für die Verbreitung der Nordamerikanischen Grippe. "Illegale Einwanderer" würden diesen Virus unkontrolliert verbreiten. Damit das Weltbild stimmt, wird in konservativen Radiosendungen auch der militante Islamismus verantwortlich gemacht. Tatsächlich verbreitet sich jedoch das Virus nicht durch "illegale Einwanderer", sondern durch einheimische Reisende, die aus Mexiko zurückkehrten. Eine us-amerikanische Website Mediamatters listet verschiedene rassistische Kommentare auf und stellt diesen die nüchterne Analyse des Centers for Disease Control and Prevention gegenüber.
Während man über diese rassistischen Verschwörungstheorien nur den Kopf schütteln kann, sollten wir das wirkmächtige Bild von "infizierten Aliens" nicht unterschätzen.

Spanische Grippe, anti-mexikanischer Rassismus und Zyklon B
Die Spanische Grippe brach in Kansas zur gleichen Zeit aus, als 1918 die mexikanische Revolution statt fand. Der Präsident der Vereinigten Staaten, Wilson, war ein Eugeniker. Er unterzeichnete den "Immigration Act" und das Gesundheitsministerium gab zeitgleich den "Manual for the Physical Inspection of Aliens" heraus. In El Paso, an der us-amerikanischen Grenze zu Mexiko, wurde mexikanische Einwanderer interniert und mit Schädlingsbekämpfungsmitteln behandelt. Auch wenn damals medizinisch das Wissen schon vorhanden gewesen ist, dass ein Virus die Spanische Grippe verursachte, wurden Mexikaner mit Benzin, Kerosin und Pestiziden zwangsbehandelt. Zu diesen Pestiziden gehörte auch Zyklon B, welches für die "Entlausung" der Kleidung in den sogenannten "Gas Chambers" benutzt wurde. Zahlreiche Mexikaner und Mexikanerinnen starben an dieser Behandlung. (Alexander Cockburn: Zyklon B on the US Border)
1938 berichtete Dr. Gerhard Peters im Anzeiger für Schädlingskunde über die "Behandlung" von Mexikanern mit Zyklon B und veröffentlichte Fotos von den us-amerikanischen "Entlausungskammern". 1939 stieg der Gebrauch von Zyklon B in deutschen Lagerunterkünften von Zwangsarbeitern sprunghaft an. 1941 wurden erste Versuche in Auschwitz I durchgeführt, ab 1942 begann in Auschwitz-Birkenau der Massenmord mit Zyklon B.

"Schweinegrippe" oder "Nordamerikanische Grippe"?
Die Weltorganisation für Tiergesundheit (OIE) kritisiert den Begriff "Schweinegrippe". Es gebe bisher noch keine Schweine, die an diesem Virus erkrankt seien. Man könne sich zudem nicht durch den Verzehr an gebratenem Schweinefleisch anstecken. In der Vergangenheit seien Grippen mit tierischem Ursprung oft nach ihrer regionalen Verbreitung benannt worden, wie die "Spanische Grippe" oder die "Asiatische Grippe". Es sei daher einleuchtend, die neue Krankheit "Nordamerikanische Grippe" zu nennen.
Auch aus antirassistischer Perspektive ist dem Begriff der "Nordamerikanischen Grippe" der Vorzug zu geben. Zum einen findet die Bilderproduktion von Schwein, Slum und Seuche mit ihren rassistischen Implikationen nicht weiter statt. Zum anderen wird mit dem Begriff "Nordamerika" die gemeinsame Betroffenheit unterstrichen. Es findet keine Zuweisung der Krankheitsverantwortung an den Süden statt und damit auch nicht die Fokussierung auf ein zweifelhaftes Eindämmungsdenken (wie konstitutiv das Bild des Dammes und des Dammbruchs (Flut und Seuche) für die Entstehung der nationalsozialistischen Ideologie gewesen ist, machte Klaus Theweleit in seinen 1978 herausgekommen Bänden "Männerphantasien" deutlich: Für den soldatischen nationalsozialistischen Mann ist die gefeierte Masse "immer eine formierte, in Dammsystemen gegossene. Ein Führer ragt aus ihr heraus. Die verachtete erscheint dagegen immer unter den Attributen des Flüssigen, Schleimigen, Wimmelnden." (Männerphantasien, 1978, 11)). Mit Metaphern wie dem "Moloch" Mexiko-City werden genau diese Phantasien geschürt, die dann bei den nächsten Parlamentswahlen zusätliche Prozentpunkte für rassistisch ausgerichtete Parteien bringen.
Der Begriff "Nordamerikanische Grippe" hingegen überschreitet und durchbricht die Mauer zwischen den USA und Mexiko, zwischen Nord und Süd, und macht deutlich, dass wir gemeinsam handeln müssen.

Weitere Artikel
13.05. Employment Attorney Services: Racial Discrimination and the H1N1 Influenza Virus
09.05. Jean Ziegler: Schweinegrippe wird kaltherzig ausgenutzt
06.05. GSeranno:Mexico criticizes swine flu discrimination against its citizens abroad
05.05. TaRessa Stovall: Which is More Contagious, Swine Flu or Racism?
05.05. Michael Castritius (Tagesschau): Weltweite Angst vor Schweinegrippe. Schikane statt Solidarität für Mexiko
05.05. Americas Society / Council of the Americas: H1N1 Special: Mexico Complains of Discrimination in Response to Flu Outbreak * Video *
04.05. Tim Wise: Of Swine and Scapegoats: Reflections on Racism and Right-Wing Nuttery
04.05. Andrew Brown (The Wallstreet Journal): China Forces Dozens of Mexican Travelers Into Quarantine
04.05. Dietmar Ostermann: Schweinegrippe. Alle Mexikaner sind verdächtig
01.05. Brian Alexander: Amid swine flu outbreak, racism goes viral. Anti-immigrant hatred spreads on talk radio, Web sites
03.05 John Kennedy: China: Quarantining all Mexicans
30.04. Rabbi Jill Jacobs: Swine Flu Xenophobia: Not Kosher
29.04. Joshua Holland: Michelle Malkin and Michael Savage Use Swine Flu Crisis to Peddle Their Xenophobia
28.04. Bonnie Fuller: Hate-Mongering Conservative Commentators Using Swine Flu to Promote Racism!
28.04. Chico Lingo: Pandemic Flu and Xenophobia: A History Lesson (Ein spannender Beitrag zu anti-mexikanischen Übergriffen während der Spanischen Grippe)
28.04. The Huffington Post: Swine Flu: Conservatives Blame Immigrants
27.04. New York Press: Infected by Avian Swine SARS Flu: The Spread of Xenophobia
27.04. Media Matters: Paranoia pandemic: Conservative media baselessly blame swine flu outbreak on immigrants
27.04. Political Intelligence: Anti-illegal immigration group faults Obama on swine flu (man beachte die xenophoben Kommentare)


Kommentare:

  1. Der Artikel "Rassismus und Schweinegrippe" ist recht interessant. Gerade die zweite Hälfte trifft die Zustände denke ich auch ganz gut. Gerade am Anfang gibt es aber einige Stellen, die etwas unpäzise sind. So zB die These, "Arme" seien natürlich häufiger von Krankheiten betroffen als "Reiche". Ich würde sagen: "Arme" sind häufiger von schweren bzw. lebensbedrohlichen Krankheiten betroffen! Gerade in reichen Gesellschaften nehmen beispielsweise psychische Krankheiten enorm zu! Dann ist der Begriff "Arme" und "Reiche" natürlich nicht wirklich definiert, wodurch es schwierig ist solche Aussagen, wie die oben genannte, zu überprüfen.

    AntwortenLöschen
  2. Hallo Kurt,
    Du hast Recht, dass in diesem Artikel "Arm und Reich" nicht definiert wurde. Daher hatte ich den Artikel
    "Soziale Ungleichheit der Gesundheitschancen" http://knol.google.com/k/andreas-kemper/soziale-ungleichheit-der/8bgikaqot3ts/160#
    verlinkt, was im Textfluss eventuell untergegangen ist.
    Liebe Grüße
    Andreas

    AntwortenLöschen
  3. Der Frage der klassenbezogenen Erkrankung widmet sich aktuell die Zeitschrift "Verhaltenstherapie & Psychosoziale Praxis" mit dem Schwerpunkt: "Prekäre Lebensverhältnisse im heutigen Kapitalismus" (3/2008). Dort findet sich auch ein Beitrag, den ich gemeinsam mit Heike Weinbach verfasste:

    Heike Weinbach / Andreas Kemper: Unter den Schichten, da liegt die Klasse - Präsenz und Absenz von Klassismus in der Psychotherapie,

    AntwortenLöschen

 
...