Freitag, 20. März 2009

Sexismus - Diskriminierendes Deutschland I

Mit dieser Reihe werde ich über Diskriminierungen berichten, mit denen sich Deutschland gegenüber seinen europäischen Nachbarstaaten im negativen Sinne besonders hervortut. Mir ist die Problematik bewusst, einen Staat zu "subjektivieren". Deutschland ist kein handelndes Wesen. Dennoch haben wir in Deutschland Institutionen und Verhaltensmuster, die besonders diskriminierungsfördernd sind.
Oder soziologischer formuliert (bitte nicht von der Sprache abschrecken lassen): Es gibt spezifische deutsche Merkmale, die sich staatspolitisch im Korporatismus und sozialpsychologisch in milieuspezifisch traditierte Habitus niederschlagen, welche strukturelle, insbesondere institutionelle Diskriminierungen einerseits und Syndrome gruppenspezifischer Menschenfeindlichkeiten andererseits verursachen. Wichtig hierbei ist, dass sich die verschiedenen Diskriminierungsformen (Rassismus, Sexismus, Klassismus, Behindertenfeindlichkeit ...) in der Praxis überschneiden und gegenseitig bedingen.

Historisch ist die besondere deutsche Neigung zur Diskriminierung meiner Ansicht nach auf die verlorenen Bauernkriege im 16. Jahrhundert und die damit einsetzende Refeudalisierung zurückzuführen, welche dafür sorgten, dass "wir" bei allen demokratischen und menschenrechtlichen Erneuerungen gegenüber den anderen Industriestaaten hinterherhink(t)en.
Aus besonderem Anlass beginne ich diese Reihe mit der geschlechterspezifischen Diskriminierungsform Sexismus.

Sexismus in der Lohnentwicklung

Bei gleicher Ausbildung, gleichem Beruf und gleichem Alter verdienen Frauen im Schnitt zwölf Prozent weniger als Männer. Zu diesen Ergebnissen kommt eine Studie des Nürnberger Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) in Zusammenarbeit mit der Universität Konstanz. Die Berechnungen beziehen sich auf das Jahr 2006. Die Erklärung, dass Frauen deshalb weniger Geld verdienen, weil sie in schlechter bezahlten Berufen als Männer arbeiten, greift nur zum Teil. Vergleichen wir Frauen und Männer insgesamt und nicht die mit gleicher Ausbildung, Beruf und Alter, so ist der Lohnunterschied mit 24 Prozent zwar doppelt so hoch, betrachten wir jedoch den Lohnunterschied zwischen Frauen und Männern im gleichen Beruf, so beträgt dieser immer noch 21 Prozent.

Es lassen sich nach dieser Studie insgesamt fünf Ursachen für das Gender Pay Gap (Geschlechtsspezifische Lohnschere) finden:

1. Frauen arbeiten in schlechter bezahlten Berufen als Männer (hierzu gibt es auch die These, dass frauenspezifische Berufe schlechter bezahlt werden als männerspezifische Berufe. Ein Beispiel: als in der Textilindustriestadt Nordhorn in den 1970er Jahren ein Automobil-Betrieb versuchte, dort einen Fertigungsstandort zu etablieren, wurde dies von den ansässigen Textilbetrieben verhindert. Grund: für die gleichen Fabriktätigkeiten wird in der männerspezifischen Automobilindustrie mehr gezahlt als in der frauenspezifischen Textilindustrie.)
2. Nicht erfasst von der Studie waren die Überstunden. Männer leisten mehr Überstunden als Frauen. Dies kann zu einer leichten Verzerrung der Ergebnisse geführt haben. Allerdings ist hier zu berücksichtigen, dass Frauen mehr (unbezahlte) Hausarbeit leisten als Männer und sich daher Überstunden seltener "leisten" können. Wer kennt nicht die Familienkonflikte, in deren Mittelpunkt die Kontroverse Überstunden - Hausarbeit/ Kinderversorgung steht?
3. Hierarchien: Männer werden häufiger Gruppen- und Teamleiter und damit werden sie auch besser bezahlt.
4. Erwerbsunterbrechungen und Phasen der Teilzeitbeschäftigung: Frauen unterbrechen häufiger als Männer ihre Beschäftigung oder wechseln von Vollzeit in Teilzeit aufgrund der Kindererziehung. Der IAB-Forscher Herman Gartner schlägt daher vor: „Um die Lohnunterschiede wirkungsvoll abzubauen, müssten sich die Erwerbsunterbrechungen gleichmäßiger auf Frauen und Männer verteilen. Beispielsweise könnte der gesetzliche Anspruch auf Erziehungsurlaub zwischen der Mutter und dem Vater aufgeteilt werden“. Hochqualifizierte Frauen sind im Alter zwischen 30 und 49 viermal so oft nicht erwerbstätig wie vergleichbar qualifizierte Männer. In diesem Alter arbeiten Männer mit Kindern sogar häufiger als Männer ohne Kinder, wie eine Studie der WZB herausfand.
5. Generelle Zunahme der Einkommensschere: Der Niedriglohnsektor ist in den letzten Jahren stark gewachsen und gleichzeitig ist die Einkommensschere allgemein größer geworden. Da Frauen häufiger in den Niedriglohnsektoren arbeiten, sinkt das durchschnittliche Fraueneinkommen in Folge der größer werdenen Schere der Einkommen in Deutschland insgesamt.

Negative Entwicklung:
Deutschland ist europäisches Schlusslicht

In allen europäischen Ländern, in denen nach der Statistik von 1995 die geschlechtsspezifischen Lohnunterschiede hoch waren, konnten sich die Löhne heute weitgehend angleichen. Mit einer Ausnahme: in Deutschland nahm der Lohnunterschied seit der Jahrtausendwende wieder zu und hat sich nun in den letzten 15 Jahren nicht verändert. Nur Zypern hat geringfügig einen noch höheren Lohnunterschied.
Aber nicht nur hier ist Deutschland Schlusslicht. Auch im Studium finden sich noch immer weniger Frauen als Männer (47,5% unter den deutschen Studierenden an deutschen Hochschulen gegenüber 50% Anteil ausländischer weiblicher Studierenden an ausländischen Studierenden an deutschen Hochschulen), was erstaunlich ist, da sie inzwischen wesentlich häufiger Abitur machen als Jungen. In allen anderen Industriestaaten studieren mehr Frauen als Männer. Und da die Studierendenquote in Deutschland katastrophal niedrig ist, studieren in Deutschland absolut gesehen sehr viel weniger Frauen als in anderen Ländern.

Um den Bogen zu bekommen - schließlich handelt dieser Blog von der deutschen Klassengesellschaft - studieren in Deutschland noch sehr viel weniger Frauen mit niedriger sozialer Herkunft als in vergleichbar anderen Ländern. Wenn wir jetzt noch berücksichtigen, dass in keinem anderen europäischen Land Arbeitslosigkeit und fehlender akademischer Abschluss so eng miteinander verzahnt ist wie in Deutschland, dann lässt sich hier vieleicht ein weiterer Grund für die geschlechtsspezifische Lohnungleichheit in Deutschland finden.

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen

 
...